Kapitel 6

Hafenstadt Alrescha

“Das ist also Hanapecha.”

“Es heißt Alrescha. Gefällt dir die Stadt?”

“Sie ist echt nett. Der Wind ist ein wenig salzig, aber fühlt sich gut an.”

Die salzige Brise war intensiv genug, dass man sie bereits vom Wagenbett aus riechen konnte. Es war der charakteristische Geruch einer Küstenregion.

Die Sicht auf das Stadtbild vom Wagen aus vermittelte das Gefühl einer fremden Hafenstadt. Der leicht altmodische Stil der Gebäude gab auch eine angenehme Atmosphäre von sich. Als Touristenort gab es an der Stadt nichts auszusetzen.

… es wäre besser gewesen, die Essenssituation gegenüber Loli Opa zu erwähnen.

So attraktiv es auch war, einen ruhigen Ort zu haben, an dem ich so lange schlafen konnte, wie ich wollte; ich wäre verhungert, wäre ich dort geblieben.

Am Ende verließ ich meinen Geburtsort, weil zufällig eine Person vorbeikam. Ich musste jedoch zugeben, diese neue Umgebung sah sehr gut aus. Ich wollte möglichst schnell ein Nickerchen machen.

“Nun denn, von hier ab komme ich selbst klar.”

“Ah… w-warte einen Moment, Arge-san.”

Als ich vom Wagen steigen wollte, rief Zeno nach mir.

Um ehrlich zu sein, war der Name “Arge”, an den ich mich die letzten Tage gewöhnt habe, wirklich sehr halbherzig gewählt.

Mein voller Name war Argento Vampire. Argento war Italienisch für Silber und Vampire Französisch für Vampir.

Ich hätte den Namen aus meinem letzten Leben nehmen können, aber Kuon Ginji war definitiv ein Name für Jungen. Ich mochtemag innerlich ein Junge gewesen sein, aber physisch war ich ein Mädchen, daher wählte ich schlussendlich einen weiblich klingenden Namen.

“Was?”

“Bitte nimm dies und das.”

Zeno-kun kramte ein wenig im Wagen und gab mir einen schwarzen Umhang mit Kapuze sowie einen Lederbeutel. Als ich den Lederbeutel entgegennahm, gab er einen klimpernden Ton von sich. Ziemlich schwer, war da Gold drin?

“Es mag nicht viel sein, aber benutze es als Geldmittel für deine Reisen.”

“Ah, also ist es Geld… du bist doch ein Händler, bist du dir sicher?”

Ich hatte über dieses Problem noch gar nicht nachgedacht, daher war ich in Wahrheit sehr dankbar für das Geld, … aber für einen Händler sollte es wichtiger als alles andere sein. War es für ihn wirklich kein Problem, so hemmungslos Geld an jemanden zu vergeben, den er gar nicht kannte?

“Weil du mein Leben gerettet hast. Außerdem solltest du versuchen, die Kapuze innerhalb der Stadt aufgezogen zu lassen. Arge-san ist sehr auffällig, also sollte es schützen… du weißt schon, davor angebaggert zu werden.”

Ah, das klingt wirklich sehr nervtötend.

Soweit ich es beurteilen konnte, war mein aktuelles Auftreten nicht anders zu beschreiben als das eines Mädchens mit unerreichbarer Schönheit.

Den Reaktionen der Terrier-Banditen und Zeno-kuns nach zu urteilen schien meine Einschätzung nicht falsch zu sein. Aus diesem Grund war es wichtig mein Gesicht zu verdecken. Ich hatte kein Interesse an Männern. Wenn sie mich füttern und sich um mich kümmern würden, wäre das aber wieder etwas anderes.

… Zeno-kun wirkte auf mich wie ein fleißiger Mensch.

Wenn ich eine solche Person heiratete, wäre das Aushelfen beim Geschäft wahrscheinlich ermüdend.

Noch schlimmer, er war ein fahrender Händler. Das hieß, solange er nicht in Rente ging, würde man sich niemals zur Ruhe setzen können. Als parasitisches Ziel war er nicht ideal. So ein Mist.

Außerdem sorgte die Ungemütlichkeit des Wagens für weitere Minuspunkte.

Doch selbst wenn man all diese Punkte einrechnete, war Zeno-kun fraglos eine gute Natur. Er half mir aus, wo er nur konnte.

“Uun… nach all dem fühle ich mich irgendwie schlecht.”

“Ist okay. Auch ich fühle mich schlecht, nachdem ich einfach so ein Pferd bekommen habe.”

Nein, das hattest du doch nur von den Terrier-Banditen.

“Ich kann es trotzdem nicht einfach so akzeptieren. Aber ich habe aktuell nichts, womit ich die Schuld begleichen könnte… wie wäre es dann mit unserem nächsten Treffen?”

“Nächsten Treffen?”

“Ja. Falls wir uns wieder treffen und Zeno-kun in der Klemme steckt, dann lass mich dich retten.”

Für seine Rettung hatte ich verlangt, dass er mir Essen gibt.

Ich hatte meine Belohnung bereits erhalten. Deswegen sah ich die Mitnahme, die Kleidung und das Geld als separaten Fall an.

Es mochte für Zeno-kun selbstverständlich gewesen sein, aber meine Unfähigkeit, seine Freundlichkeit zu erwidern, machte mich krank.

Ich mochte ja extrem faul sein, aber ich war die Art Mensch, die ihre Schulden gewissenhaft begleicht.

Auch wenn ich so dachte, mein einziger Besitz war mein Körper. Selbst die Kleider, die ich trug, gehörten nicht mir.

Die einzige Sache, mit der ich gerade dienen kann, ist ein mündliches Versprechen.

Natürlich war ein mündliches Versprechen immer noch ein Versprechen. Sollten wir uns jemals wieder treffen und ich ein Zahlungsmittel dabei haben, würde ich ohne Umschweife den Preis zahlen. Das war meine Mentalität hinter diesem Versprechen.

Nach diesem Versprechen war es wohl am Besten, erstmal getrennte Wege zu gehen.

“… wenn du es so ausdrückst, kann ich es verstehen.”

“Nun denn, ich bin dann mal weg. Vielen lieben Dank. Bitte stelle ab jetzt richtige Bodyguards ein.”

“Ich werde es im Hinterkopf behalten. Lebe wohl, Arge-san!”

Ich zog die Kapuze vollständig über und sprang vom Wagen.

Zögerlich, aber schnell lief ich los und verschwand ohne zurückzublicken in der Menschenmenge.

So, das Wichtigste zuerst…

“… besorgen wir uns mal was zu essen.”

Nickerchen waren schön und gut, aber ich hatte gerade erst Geld bekommen, also nutzte ich es auch dankbar. Geld war schließlich nur dann etwas wert, wenn es auch benutzt wurde.

 

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