Kapitel 4

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Heute nahm ich mir in meiner Pause vor, auf ein Feld zu gehen. Ich machte diesen kurzen Spaziergang, um meinen Kopf freizubekommen. Die Frage, wie ich dem Mädchen helfen konnte, ließ mir keine Ruhe. Ich griff nach der Kette und plötzlich stand ich da, mitten auf den Schulhof. Ich schaute auf die Uhr. Es war zehn nach zwölf. Auf dem Schulhof war es ganz ruhig. Wieso war ich jetzt hier? Ich drehte meinen Kopf zur Seite und schaute mich um. Plötzlich sah ich sie, wie sie wartend am Eingangstor stand.

Ich lief zu ihr hin. „Hey, wartest du auf jemanden?“ Sie schaute mich an und ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Sie nickte nur. „Wartest du darauf, dass dich jemand abholt?“ Sie nickte erneut. „Ich warte mit dir, dann bist du nicht mehr alleine.“ Das kleine Mädchen lächelte nur. Ein Auto hielt vor uns an. Das Mädchen nahm ihren Schulranzen und lief zum Auto. Sie winkte mir zu. Ich lief ihr hinterher. Ein erdrückendes Gefühl kam in mir auf.

Die Frau im Auto sah mich an. „Ich bin Schulsozialarbeiterin und würde Sie gerne zu einem Gespräch einladen.“Wieso hatte ich das gesagt? Es kam einfach heraus. Die Frau schaute mich abwertend an. Sie schüttelte den Kopf und brachte ein „Ich habe keine Zeit“, hervor. Dann fuhr sie mit dem Auto weg. Ich schaute kurz hinterher, dann stand ich plötzlich mitten auf dem Feldweg. Reflexartig griff ich nach meinem Handy und schaute auf das Display. Eine viertel Stunde war vergangen. Ich lief zurück zu meinem Arbeitsplatz.

Wieso hatte ich der Frau erzählt, dass ich eine Schulsozialarbeiterin sei? Diese Frage konnte ich mir nicht erklären. Der Tag verging wie im Flug. Ich fuhr nach Hause und notierte den Vorfall. Leider wusste ich nicht, in welcher Zeit ich landen würde. Ein genaueres Datum würde mir helfen.Wie fand ich heraus, an welchem Tag ich mich befand, wenn ich durch die Zeit reiste. Ich führte meine Hand an meine Kette und umklammerte sie ganz fest. Mir wurde schlagartig schwindelig. Da saß ich überraschend auf der Bank neben der Birke, Kindergeschrei um mich herum. Die Kinder liefen an mir vorbei, sie nahmen mich gar nicht wahr. War ich unsichtbar für sie? Ich konnte mir nicht erklären, wieso ich jetzt wieder in der Zeit gereist war. Anscheinend waren zwei Zeitsprünge an einem Tag wohl doch möglich. Die Perle der Kette um meinen Hals wurde warm. Ich schaute sie mir zum ersten Mal genauer an. War sie immer so dunkelblau gewesen? Ich griff in meine Hosentasche und wollte mein Handy herausholen, doch es war verschwunden. Stattdessen fand ich einen Zettel. Wie war er dort hingekommen? Und wo war mein Handy? Den Zettel schaute ich mir genauer an. Auf ihm stand ein Datum. Ob das Datum das heutige war, wusste ich nicht. Das wäre aber ein hilfreicher Schritt, um die Zeitsprünge kontrollierter zu machen.

Ich stecke mir den Zettel wieder zurück in die Hosentasche und machte mich auf die Suche nach dem Mädchen. Auf den ersten Blick konnte ich sie nicht entdecken. Vielleicht war sie ja hinten im Gebüsch bei den Äffchen. Ich schaute mich um, konnte sie aber nicht sehen. Ich ging in Richtung Klettergerüst, aber auch dort konnte ich sie nicht finden. Ich fragte mich, wo sie nur stecken konnte. Dann entdeckte ich sie. Sie rannte in Richtung Sportplatz. Ich bemerkte zwei Kinder, die hinter ihr her waren. Sie waren etwas größer als sie und älter. Ich rannte zu dem Mädchen, wollte sie beschützen. Aus unerklärlichen Gründen konnte ich nicht rufen, egal wie sehr ich es versuchte. Ein größeres, blondes Mädchen hatte sie eingeholt und zog ihr an den Haaren. Sie wurde von denen umringt und die beiden begannen auf sie einzutreten. Ich erreichte sie in letzter Sekunde und konnte ihr helfen. Die großen Mädchen liefen davon. Die Kleine unterdrückte ihre Tränen und fiel mir um den Hals. Ganz fest drückte ich sie an mich und tröstete sie. „Alles wird gut“, sagte ich mit einer sanften Stimme.

Das kleine Mädchen kniete zusammengekrümmt da und wimmerte verzweifelt, ihr Gesicht an meiner Schulter vergraben. Ich streichelte ihr mit der Hand über den Rücken. „Ich bin da für dich“, sagte ich ihr ganz zärtlich. „Schau mich an.“ Das Mädchen hob den Kopf und schaute mir ins Gesicht. „Ich möchte, dass du weißt, dass ich da sein werde, wenn du mich brauchst und dass ich zu dir halten werde, wenn alle anderen dir den Rücken kehren.“ Ich wischte mit meinen Händen ihre Tränen weg. Sie schaute mir tief in die Augen. Sie machte den Eindruck, als ob sie mir etwas sagen wollte. Gerade als ich sie wieder umarmen wollte, durchzog ein schmerzhafter Stich meinen Kopf. Ich fragte mich, wieso das gerade jetzt passieren musste. Da stand ich nun wieder mitten in meinem Wohnzimmer. Mir stiegen Tränen in die Augen. Die physische Gewalt gegenüber dem kleinen Mädchen tat mir weh. Ich wusste, dass daraus erhebliche psychische Schäden entstehen würden, die das Leben beeinträchtigen konnten. Mein Körper fühlte sich sehr schwer an. Ich war erschöpft. Der letzte Zeitsprung hatte mich geschwächt. Ich legte mich auf mein Sofa und schlief ein.

 

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