Kapitel 3

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Ganz verwundert suchte ich meine Notizen und notierte mir die Vorgehensweise und die Uhrzeit. Spielte das eine Rolle? Das letzte Mal kam ich fast zeitgleich mit der jetzigen Uhrzeit an. Vielleicht hatte ich mich auch nur nicht stark genug konzentriert.

Ich nahm wieder die blaue Kugel an der Kette in die Hand und schloss die Augen. Ich hatte mich nicht von der Stelle bewegt. Vielleicht war alles eine Einbildung gewesen, ein Traum. Eine Zeitreise hörte sich auch sehr merkwürdig an. Aber die Relativitätstheorie von Albert Einstein bot verschiedene Möglichkeiten für Zeitreisen. Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft waren aber Reisen in die Vergangenheit prinzipiell nicht möglich. Solche Zeitreisen waren spekulativ und umstritten. Ich schüttelte den Kopf. Wieso ich mich gerade jetzt mit Physik beschäftigte, war mir ein Rätsel. Mein Magen machte sich bemerkbar. Bei der ganzen Zeitsprung- Geschichte hatte ich vergessen etwas zu essen. Ich lief in die Küche und OKsetzte einen Topf mit Wasser auf.

Woher kam der Drang in mir auf, dem Mädchen zu helfen? War der Grund, dass ich mich nur besser fühlen wollte? Hatte ich ein schlechtes Gewissen?

Fragen über Fragen überkamen mich. Ich schwelgte in Erinnerungen. Es war schön, sich an diese Zeit zu erinnern. Als wir noch Zeit hatten, mit Freunden unterwegs waren, frei von Sorgen, als alles noch heil war. Aber warum war das so? Welchen Sinn hatte das möglicherweise falsche, verschönernde Erinnern an die Vergangenheit? Hatte das kleine Mädchen auch schöne Erinnerungen?

Unbewusst griff ich nach der Kette. Ich schaute aus dem Fenster und bewunderte die Landschaft. Schlagartig wurde mir schwindelig. Ich stütze meinen Kopf mit der Hand ab und da stand ich plötzlich mitten auf den Schulhof.

Wieso hatte es jetzt funktioniert? Diese Frage konnte ich mir nicht beantworten. Es war ruhig. Ich lief in Richtung Uhr. Es war kurz vor halb zehn, gleich würde die Pause beginnen. Ich wartete bis zum Pausenklingeln. Die Kinder strömten nach draußen. Es wurde lauter. Sehnsüchtig wartete ich auf das kleine Mädchen. Es vergingen einige Minuten, doch sie kam nicht heraus.

Ist sie heute gar nicht hier? Ich bemerkte etwas in der Eingangstür. Da stand sie und schaute sich um. Wieso kam sie nicht heraus? Ich beobachtete sie. Sie schaute raus und lief dann links den Gang entlang. Das Einzige, was ich mir vorstellen könnte, wäre, dass sie versuchen würde von der anderen Seite nach draußen auf den Schulhof zu kommen. Ich lief unter die Überdachung. Sie kam vorsichtig heraus, schaute sich noch einmal um und lief dann in die Mädchentoilette. Das war meine Gelegenheit, kontakt mit der Kleinen aufzunehmen. Ich ging hinein und wartete einen Moment. Das kleine Mädchen kam vorsichtig aus der Kabine und schaute sich um. Dann ging sie zum Waschbecken. „Hallo“, sagte ich zu ihr und lächelte sie an. Sie zuckte kurz zusammen und drehte sich dann zu mir um.

Irgendwie wirkte sie erleichtert und lächelte mich an. „Kennst du mich noch?“, fragte ich und ging einen Schritt auf sie zu. Statt einer Antwort, bekam ich ein Nicken. „Geht es dir gut?“ Meine Fragen waren nicht gerade pädagogisch sinnvoll, aber etwas hielt mich davon ab, mich vorzustellen. „Weißt du noch? Ich möchte deine Freundin sein“, die Kleine nickte und nahm meine Hand. Sie zog mich heraus aus der Mädchentoilette und lief mit mir zu alten Birke. Wir stiegen über die kleine Mauer. Das Mädchen zog ihre Jacke aus und legte sie auf den Boden. Sie setzte sich hin und wollte, dass ich mich zu ihr setze. Ich schaute sie an und lächelte, dann setzte ich mich neben sie. Mir fiel auf, dass sie kein Frühstück dabei hatte. Es war halb zehn, ich konnte mich erinnern, dass wir früher in der Pause frühstücken mussten. „Hast du kein Frühstück dabei?“, fragte ich vorsichtig nach. Sie nickte nur. Die Trauer stand ihr ins Gesicht geschrieben. Mein Magen knotete sich zusammen. Ich kämpfte gegen die Tränen an. „Hast du dein Frühstück zuhause vergessen?“ Ich bekam nur ein Kopfschütteln als Antwort. Ich fiel dem Mädchen um den Hals und drückte sie ganz fest an mich. Mir wurde schwarz vor Augen, ein stechender Schmerz durchzuckte meinen Kopf. Da saß ich wieder in meiner Küche auf der Bank. Meine Fenster waren ganz beschlagen. Ich sprang auf und machte den Herd aus.

Diesen Zeitsprung konnte ich mir nicht erklären, aber mir wurde ganz warm ums Herz. Meine Fähigkeit war mir nicht genommen worden. Morgen werde ich wieder das Mädchen besuchen. Das nahm ich mir fest vor. Leider wusste ich nicht, an welchem Wochentag ich in die Vergangenheit gereist bin. Welcher Tag war heute? Hatte das Mädchen lange auf mich gewartet? Ich konnte mir nicht einmal erklären, ob sie Angst bekomme hatte, als ich vorhin einfach verschwunden war.

 

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