Kapitel 6 [Ende]

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Ich legte mich kurz hin und nickte ein. Als ich wieder wach wurde, suchte ich mein Handy. Ich schaute auf das Display, um die Uhrzeit zu erfahren. Zwei Stunden hatte ich geschlafen. Etwas angeschlagen und schlapp stand ich auf und ging in die Küche. Ich holte mir etwas zu Trinken und schaute aus dem Fenster. Wieso war mir diese Kraft geschenkt worden? Eigentlich sollte ich mich deswegen glücklich schätzen. Mir wurde warm um’s Herz. Das kleine Mädchen, das ich nicht besonders mochte, war mir langsam richtig ans Herz gewachsen. Den restlichen Tag verbrachte ich mit einer Freundin. Es war lange her, dass wir zusammen etwas unternommen hatten. Von den Zeitsprüngen habe ich ihr aber nichts erzählt.

Es war Samstag. Ob ich an einem Samstag auch reisen konnte? Bis jetzt hatte ich es mit den Sprüngen nur auf den Schulhof geschafft. Heute war aber keine Schule. Ein ungutes Gefühl kam in mir auf. Was war das für ein Gefühl? Und wieso gerade jetzt? Mein Herz raste. Ich spürte einen stechenden Schmerz im Herzen. Ein dumpfes Gefühl in meinen Ohren überkam mich. Mir wurde schwarz vor Augen. Ich nahm leise Stimmen wahr und öffnete meine Augen. Ich stand vor einer Etagenwohnung. Sie kam mir so vertraut vor. Ich wusste aber, dass dieses Mehrfamilienhaus nicht mehr existierte. Warum war ich gerade jetzt hier? Kindergeschrei riss mich aus meinen Gedanken. Ich suchte die Klingel und drückte darauf. Keiner öffnete mir die Tür. Mit den Fäusten schlug ich gegen die Glastür am Eingang. „Macht auf!“, schrie ich so laut ich konnte. Meine Tränen flossen mir über das Gesicht. „Macht auf!“, schrie ich weiter. Nichts geschah. Mein Herz fing an schneller zu schlagen. „Ermöglicht mir noch einen Sprung, bitte“, rief ich verzweifelt. Es geschah aber nichts. „Bitte!“ Ich umklammerte die Kette noch fester.

Das Geschrei um mich herum wurde lauter. Ich stand mitten in der Wohnung und lief zum kleinen Mädchen. Ich wollte sie nur beschützen, wollte ihr nur diese eine Erinnerung nehmen. Ich sah die Frau mit einem langen, spitzen Küchenmesser vor dem Esstisch stehen. Das kleine Mädchen stand ihr gegenüber, eingeklemmt zwischen dem Tisch und der Wand. Ohne großartig nachzudenken, griff ich nach dem Messer und nahm es der Frau aus der Hand. Sie schaute mich mit einem finsteren Blick an. Mein Herz schmerzte und meine Tränen flossen. Ich sah zu dem kleinen Mädchen herüber. „Geht es dir gut?“, fragte ich mit einer ruhigen Stimme. Das Letzte was ich sah, war ihr Nicken. Sie bewegte die Lippen und wollte mir etwas sagen. Ich konnte ihre Worte nicht verstehen. Was hatte sie in diesem Moment gesagt? Was sollte aus ihr werden?

Das Messer befand sich noch in meiner Hand. Ich öffnete meine Augen, konnte aber nichts sehen. Es war dunkel um mich herum. Wo war ich? War ich gestorben? War das die Konsequenz für meine Zeitsprünge? Ich warf das Messer weg. „Bist du wach?“, hörte ich eine Stimme sagen. Sie kam mir so vertraut vor. Sie war warm. Ich nickte nur, war gerade nicht in der Lage zu antworten. Mein Herz schmerzte. Es schmerzte aber nicht, weil ich krank war, sondern vor Trauer. Ich wischte mir meine Tränen aus dem Gesicht. Manchmal spielt sich unser ganzes Leben im Epizentrum unseres Körpers ab. Wie ein Knoten im Magen, der uns die Luft zum Atmen, den Hunger auf das Leben und die Lust daran nahm. Das waren keine Schmetterlinge, sondern das schwarze Loch unserer Angst, das alles in sich hineinzieht und nicht wieder hergibt. Wie ein bekannter Feind, der manchmal unbeherrschbar war, das Leben beschleunigte, uns unsere Illusionen nahm und unsere Prioritäten durcheinander brachte.

Ich bemerkte ein helles Licht in der Ferne. Es sah aus wie ein Ausgang. „Wo bin ich hier?“ Ich bekam aber keine Antwort. Etwas zog mich in Richtung Licht. Langsam stand ich auf und ging geradeaus. Ich bemerkte etwas. War es ein Spiegel? Das kleine Mädchen winkte mir zu. Ich lief in ihre Richtung und sie kam mir entgegen. Allmählich wurde es hell um mich herum. Ich wusste nicht, wo ich mich gerade befand. Mein Blick fokussierte ich nur auf das kleine Mädchen einige Meter vor mir. Es kam auf mich zu und wurde langsam größer. Mit jedem Schritt, den ich machte, veränderte sie sich. Wir standen uns gegenüber. Sie lächelte nur und reichte mir ihre Hand. Ich schaute sie an und konnte meine Tränen nicht zurückhalten. Sie kam noch etwas näher und umarmte mich ganz fest. Mir wurde es ganz warm ums Herz. Es fühlte sich so an, als wäre mir meine ganze Last von den Schultern genommen worden.

„Warum magst du das Mädchen nicht?“, hörte ich eine Stimme sagen. „Ich sagte, ich mochte sie nicht.“ Ich hielt einen Moment inne. „Weil ich manchmal nicht so gerne an sie erinnert werden möchte. Aber ich glaube, dass viele nachgedacht hätten, wenn sie ihre Geschichte gehört hätten. Oder wenn sie gewusst hätten, weshalb sie später so war, wie sie war. Ich mochte sie nicht, weil sie nie gelernt hatte, um Hilfe zu bitten, wenn sie sie brauchte oder nicht weiter wusste. Vielleicht wäre schneller etwas aus ihr geworden. Vor allem etwas anderes als Erzieherin.

Wenn schon Zuhause keiner an einen glaubt und in der Schule auch nicht, fühlt es sich irgendwie so an, als ob jemand die Tür in die Zukunft zuhält. In sich ruhen, sich selbst finden, im Einklang mit sich selbst leben und inneren Frieden finden ist für viele Menschen schwierig. Nach meiner Erfahrung mit den Zeitsprüngen konnte ich meinen inneren Frieden finden. Dinge, die ich nicht ändern konnte, lernte ich zu akzeptieren. Ich würde gerne einiges in der Vergangenheit ändern, aber der Weg, den ich gegangen war, hat mich gestärkt und mich zu der gemacht, die ich heute bin. Ich bin stolz auf mich.

Sie löste die Umarmung und lächelte mich an. „Sei nicht selbst dein schlimmster Feind“, sagte sie mir und verschwand langsam. Ich stand in meinem Wohnzimmer, wusste nicht, wie ich zurückgekommen war. Hatte keine Symptome, keine Kopfschmerzen mehr. Ich griff nach der Kette um meinen Hals aber sie war nicht mehr da. Hatte ich sie verloren? Ich suchte meine Notizen. Auch sie waren verschwunden. Das einzige was mir geblieben war, waren meine Erinnerungen.

 

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