Kapitel 5

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Heute Abend wollte ich noch einen Zeitsprung probieren. Vielleicht war immer eine Notiz in meiner Hosentasche gewesen, damit ich wusste in welcher Zeit ich mich befinde. Daran konnte ich mich orientieren, welches Datum war und anknüpfen wo ich aufgehört hatte.

Zuhause angekommen konnte ich es kaum abwarten einen Zeitsprung zu machen. Während der Arbeit war es zu riskant. Ich wusste ja nicht wie lange ich wegbleiben würde. Auf der anderen Seite wäre es sehr merkwürdig, wenn ich vor den Augen meiner Kollegen oder vor Passanten verschwand. Moment mal. Verschwand ich einfach so? Wurde ich einfach so weggezogen? Zum ersten Mal, machte ich mir darüber Gedanken. Allein die Vorstellung daran verstörte mich. Jetzt hatte ich aber keine Zeit mich damit zu befassen. Mein heutiges Ziel war es, mich an den gestrigen Tag anzuschließen. Ob es mir gelingen würde, wusste ich noch nicht. Ich schloss meine Augen und konzentrierte mich auf das Datum, das ich gestern auf der Notiz gesehen hatte. Ein stechender Schmerz an der Schläfe kam auf. Als ich meine Augen wieder öffnete, stand ich noch in meinen Wohnzimmer. Was war jetzt wieder schief gelaufen? Hatte ich mich nicht lang genug konzentriert? Die Kopfschmerzen waren aber da gewesen. Ich atmete tief ein. Ein Fehlversuch sollte mich nicht verunsichern. Wieder schloss ich meine Augen. Mein Kopf pochte und in meinen Ohren brummte es. Ob ich mich jemals an die Symptome gewöhnen würde, wusste ich noch nicht.

Es wurde laut um mich herum, sodass ich die Augen öffnete. Sehnsuchtsvoll hielt ich Ausschau nach dem Mädchen, fand sie aber nicht. Ich lief zu Birke, aber auch da waren nur andere Kinder. Wo konnte sie bloß stecken? Vielleicht versteckte sie sich wieder in der Mädchentoilette. Ich machte mich auf dem Weg in Richtung Mädchentoilette, doch dort schien sie auch nicht zu sein. Wo steckte sie bloß? Ich ging eine Weile auf dem Schulhof umher. Jemand stupste mich von der Seite an und riss mich damit aus meinen Gedanken. Ich drehte mich um und da stand sie plötzlich vor mir, mit einem Lächeln im Gesicht. Ich war glücklich sie zu sehen und wollte sie gerade umarmen, als schlagartig ein pochender Schmerz in meinen Kopf auftauchte. “Nein! Jetzt nicht! Ich will noch nicht zurück!” Ich fühlte mich leicht benommen. Wieso war der Zeitsprung abgebrochen worden? Als ich meine Augen wieder öffnete, stand ich noch auf den Schulhof und nicht in meinen Wohnzimmer, wie ich nach den Symptomen angenommen hatte. Wie war das möglich? Hatte ich einen Zeitsprung während eines Zeitsprungs gemacht? Es war ruhig um mich herum. Ich durchsuchte meine Hosentasche, in der Hoffnung, eine Notiz zu finden. Diesmal fand ich aber nichts. Ich schaute mich um. Es war nicht die gleiche Zeit wie vor ein paar Minuten. Ich war irgendwo anders in der Zeit gelandet.

Ich suchte nach Hinweisen, an denen ich mich orientieren konnte, wurde aber nicht fündig. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Sie zeigte kurz vor halb zehn an. Gleich begann die Pause. Voller Freude stand ich in der Nähe der Eingangstür. Die Pausenglocke klingelte und die Kinder strömten heraus. Es wurde schlagartig lauter um mich. Einige Kinder kamen mit ihren Turnbeuteln heraus und legten sie auf einen Haufen. Das kleine Mädchen sah ich aber noch nicht. Die Eingangstür ging langsam auf und schließlich kam sie heraus. Auch sie hatte einen Turnbeutel dabei. Sie schaute sich um und legte dann vorsichtig ihren Turnbeutel hin. Zwei Kinder liefen auf sie zu und nahmen ihr ihren Turnbeutel weg. Sie lief ihnen hinterher, konnte sie aber nicht aufhalten. Ich war wie gelähmt, meine Beine bewegten sich nicht von der Stelle. Die beiden Kinder blieben stehen, lachten laut und traten gegen den Beutel. „Hol ihn doch“, rief ein Junge höhnisch. Das Mädchen neben ihm lachte laut. Die Kleine hob den Kopf und ballte ihre Hände zu Fäusten. Sie ging langsam zu den beiden hinüber. Der Junge warf den Turnbeutel auf dem Boden und trat ihn herum. Dann lief er in Richtung Jungentoilette, öffnete sie und warf den Beutel hinein. Beide Kinder liefen weg. Das kleine Mädchen stand vor der Toilette. Man konnte sehen wie sie mit sich selbst rang. Sie wollte nicht hineingehen. Ich konnte mich wieder bewege, lief schnell zu dem Mädchen hin und versuchte sie zu trösten. „Ich hole dir deinen Turnbeutel wieder, du musst nicht weinen.“ Dieser Satz tat mir weh. Ich öffnete die Toilettentür und ging hinein. Ein leichter Schwindel überkam mich. Einen Moment hielt ich inne, griff dann nach den Turnbeutel und lief wieder heraus. „Hier, bitteschön“, sagte ich zu ihr und lächelte sie an. Gerade als sie nach den Turnbeutel griff, pulsierte es in meinen Kopf. Ich war wieder zurück in meinem Wohnzimmer. Es war mir unerklärlich, wieso ich zweimal gesprungen war. Noch viel schlimmer fand ich aber, dass ich wieder zurück war. Wieso hört es plötzlich auf? Machte ich etwas unterbewusst?

Ich wollte wieder zurück. Gelang mir noch ein Sprung? Gab es überhaupt Regeln, auf die ich achten musste? Welche Konsequenzen gab es? Ich stand nicht sonderlich auf Unregelmäßigkeiten. Auf was hatte ich mich da nur eingelassen? Ich fühlte mich etwas schlapp. Nichts hielt mich davon ab, noch einmal in der Zeit zu reisen. Mein Wille war stark, ich wollte zurück. Aber nichts geschah. Hatte ich mein Pensum für einen Tag erreicht? Verzweifelt holte ich meine Notizen hervor und schrieb alles vom heutigen Tag auf.

 

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