Ch02 – Der Anfang von allem

— Samstag, 0:01 Uhr nachts, Felder von Belruhn

 

Shouya, der immer noch auf dem Boden gen blaugrünen Himmel starrend lag, schloss erneut die Augen.

@Shoh: „Das ist ein Traum… Das kann nur ein Traum sein…“, redete er sich ein und öffnete mit der Erwartung, seine Wohnungswand zu sehen, wieder die Augen. Nichts veränderte sich. Er sah wieder den Himmel.

Als er seine Hände anhob, um sich die Wangen zu kneifen, als Test, ob er wirklich wach sei, bemerkte er, dass seine Hände mit seidenartigen Handschuhen gerüstet waren. Noch nie hatte Shouya etwas Derartiges besessen, noch konnte er sich erinnern, jemals Handschuhe in der Farbe oder Qualität angezogen zu haben. Die Handschuhe waren fliederfarben, sehr dünn und im Stoff waren astartige, silberne Muster eingewebt, deren Spitzen sich verbanden und spiralförmig endeten.

@Shoh: „Was ist das denn?“

Shouya stand auf, was ihm jedoch, aufgrund seines schwarzgrauen Gewands, zuerst gar nicht so einfach gelang. Erst beim zweiten Versuch, darauf achtend nicht auf die eigene Kleidung zu treten und nach hintenüberzufallen, stand er aufrecht und betrachtete sich selbst.

In nun aufrechter Position sah er, dass seine Kleidung seinem Charakter in Tale of Magic ähnelt.

@Shoh: „Das ist kein Traum… Ist das etwa … Tale of Magic …? Ist das Spiel mit dem Update zur Realität geworden?!“

Während er noch nach Hinweisen auf die ihm bekannte Welt suchte, bemerkte er vor sich einen blinkenden Button mit der Aufschrift „Willkommen“. Dieser Button kam ohne ein Fenster, das geschlossen hätte werden können. Ohne das Blinken hätte man den Button leicht übersehen können, doch so erkannte Shouya, dass sich vor ihm etwas tat. Langsam hob er seine Hand und streckte seinen Zeigefinger nach dem Button. In dem Moment, wo sein Finger, mitten in der Luft, den Button berührte, fing Shouya an zu leuchten.

@Shoh: „W… Was ist denn jetzt los?!“, rief Shouya panisch.

Von dort wo Shouya stand, löste sich eine blauweiße, leicht transparente Substanz, die von Shouyas Körper hinaus aufstieg.

@Shoh: „D… Das bin … ich, oder?“, hallte es von der Substanz leise. Shouya, dessen Geist sich vom Körper trennte und dessen Körper nun mit geschlossenen Augen reglos aufrecht stand, sah auf diesen hinab.

@Verdandi: „Sei gegrüßt, Sterblicher. Willkommen in der Welt der Magie.“, hallte es laut hinaus. Shouya sah von seinem reglosen Körper ab und blickte hinauf. Ihm offenbarte sich eine Gestalt, die er in all ihrer Pracht nie für den Inhalt eines Spiels für möglich gehalten hätte. Vor ihm schwebte eine junge Frau mit langem dunkelbraunen Haar, welches ihr bis zu den Kniekehlen reichte und dessen Pony zwei voneinander entfernte Scheitel bildeten. Sie trug ein weißes Gewand, dessen lange Ärmel mit glänzenden goldenen Steinen bestückt war. Aus ihrem Rücken ragten zwei Engelsflügel heraus, die in voller Breite das Fünffache ihres Körpers einnahmen. In ihrer Hand hielt sie einen Speer mit rotem Stiel, verziert mit ähnlichen goldglänzenden Steinen wie ihr Gewand.

@Verdandi: „Sterblicher, Euer Ruf nach Hilfe ereilte uns Götter, dessen Aufgabe es sei, ihre Brut zu leiten. So ward offenbart, dass die Göttin der Gegenwart Euer Schicksal entscheiden mag, für wahr sei ich die Göttin des Schicksals—“

@Shoh: „Sorry, aber gibt’s das auch in meiner Sprache? Ich meine, klar, ich verstehe dich schon, aber das ist in keinster Weise benutzerfreundlich, meinst du nicht?“, unterbrach Shouya sie in ihrem Monolog.

Verdandi sah auf Shouya hinab, die Augen leicht krampfhaft geschlossen, die Mundwinkel leicht verzogen und das Gesicht errötet, als würde sie jeden Moment Feuer spucken können.

@Verdandi: „Das tut man, um der Rolle gerecht zu werden, weißt du?“, sagte sie mit einer genervten Stimme.

@Verdandi: „Warum kannst du als Level 90er überhaupt nach mir rufen? Das sollten nur Novizen tun können…“, änderte Verdandi das Thema geschwind, nachdem ihr Gesicht wieder eine normale Farbe annahm, sie ihre Flügel auf eine kleinere Größe schrumpfen ließ und sich vor Shouyas Geist schwebend bewegte.

@Shoh: „Tja, erst mal gut zu wissen, dass du kein NPC bist… Für einen Moment dachte ich, du würdest mich umbrin—“

@Verdandi: „Oh, das hätte ich gerne getan, wenn es uns nicht verboten worden wäre.“, unterbrach Verdandi nun Shouya mit einem ernsten Blick und diabolischen Lächeln auf den Lippen.

@Verdandi: „Also gut, ich habe nicht viel Zeit. Ich schätze mal, du wirst als erfahrener Held kaum Probleme haben, um die ich mich kümmern müsste, also auf Wiedersehen.“, sagte Verdandi, die sich umdrehte.

@Shoh: „Warte! Bevor du gehst, habe ich ein paar Fragen!“, rief er Verdandi hinterher, die Hand ausgestreckt und nach Verdandis Schulter greifend.

Verdandi drehte sich erneut um.

@Verdandi: „Held, dein Schicksal ist längst erfüllt, welche Fragen kannst du noch haben?“

Sie hatte einen Blick in ihrem Gesicht, wonach sie nicht verstand, was ein „Held im Ruhestand“ noch für Fragen stellen könnte.

@Shoh: „Ich bin urplötzlich in dieser Welt gelandet. Wo bin ich hier? Wie komme ich zurück? Wie öffne ich das Hauptmenü, damit ich mich ausloggen kann?“, platzte es aus Shouya heraus, der hoffte Antworten zu finden, die ihn fürs Erste wieder zurück in seine Welt brachten.

Trotz seiner Geisterform sah es so aus, als würde er schwitzen. Die Antworten könnten für ihn eine Sicherheit bedeuten. Im Falle dafür, dass er keine Antworten bekomme, müsse er in dieser Welt einen Ort finden, an dem er leben könnte.

@Verdandi: „Nun, Held, du befindest dich hier auf den Feldern von Belruhn nahe der Stadt Belruhn im Elvengebiet. Zu den anderen Fragen kann ich dir keine Auskunft geben, da mir die Bedeutungen von Hauptmenü und ausloggen fremd sind.“, sagte sie mit einer ruhigen Stimme.

@Shoh: „Die Bedeutungen sind dir fremd? Bist du etwa doch ein NPC?“, fragte Shouya mit einer leicht schockierten Miene.

@Verdandi: „Die Bedeutung von NPC ist mir fremd. Ich bin die Göttin Verdandi, Göttin der Gegenwart und des Schicksals. Ich helfe Novizen in ihrer Not und gebe ihnen Ratschläge.“, sagte die Göttin zum Abschluss. Sie drehte sich daraufhin von Shouya weg und breitete ihre Flügel aus.

@Verdandi: „Viel Glück auf deinen weiteren Reisen, Held, du wirst es brauchen.“, hallte es während sie gen Himmel emporflog und im grellen Licht der Sonnen verschwand. Shouya wurde wieder weiß vor Augen und spürte einen Sog aus der Richtung, wo sein Körper stand.

Als er seine Augen wieder öffnete, stand er wieder an der gleichen Stelle, an der er seinen Körper verließ. Jedoch war dieses Mal etwas anders. Vor ihm hüpfte ein Häschen umher und während Shouya es ansah, zeigte sich über dem Kopf des Häschens ein Interface-Fenster mit Lebensbalken des Tiers. Jedoch nicht nur das, sondern auch der Name des Tiers, das Level und die Art.

@Shoh: „Gourmet-Hase, Level 1, Tier”, dachte Shouya während er beim Wort Gourmet direkt ans Essen dachte.

@Shoh: „Da ich nicht weiß, ob ich hier etwas essen muss oder nicht, sollte ich mir etwas zu essen besorgen… Da kommst du genau richtig!“, sagte Shouya zu sich selbst und überlegte, wie er den Hasen einfangen könnte.

@Shoh: „Mit einem Zauber geht das bestimmt, immerhin bin ich hier ein Zauberer, aber wie stelle ich das an… Bestimmt nicht einfach über den Namen des Zaubers, … oder doch?“, fragte sich Shouya, während er, um einen Versuch zu wagen, seine Hand anhob und auf den Hasen zielte.

@Shoh: „Imprisonment!“, rief er laut. Dort wo der Hase sich befand, erschien ein Gefängnis aus Dornen, das den Hasen einsperrte. Sich vor den Dornen fürchtend wagte der Hase keine Bewegung, um nicht verletzt zu werden.

@Shoh: „Wow, dass das System so einfach nutzen ist, hätte ich nicht erwartet. Endlich zahlt es sich aus, die Techniken des Zauberers auswendig gelernt zu haben.“, sagte er mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

@Shoh: „Dich nehme ich erst mal mit. Verdandi sagte, dass hier in der Nähe Belruhn sei. Vielleicht treffe ich da noch andere Spieler, die das gleiche Problem haben wie ich.“, sagte er, nahm das Hasengefängnis, welches einen Griff besaß, der dem eines Vogelkäfigs ähnelte, in die nicht belegte Hand und bewegte sich mit den Sonnenstrahlen im Rücken in eine Richtung, wo er vermutete die Stadt zu finden.

 

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