Ch01 – Zimmernachbarn

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Chapter 01 – Zimmernachbarn

Takuya Nakamura

Die lange Zugfahrt muss mich völlig ausgepowert haben, denn sobald ich mit Hilfe des Taxifahrers meine Koffer verstaut und ihm erklärt hatte an welche Schule ich gefahren werden wollte, fielen mir die Augen zu.

Es muss schon nachmittags sein, als ich erneut meine Augen öffne. Die Sonne strahlt noch immer hoch am Himmel und die Strahlen kitzeln mich in der Nase.

Gähnend schaue ich aus dem Fenster und betrachte die vorbeiziehenden Häuser und Gärten. Nach einiger Zeit werden die Zäune weniger und wir fahren an Feldern und kleinen Wäldern vorbei. Entschlossen reiße ich meinen Blick von der Aussicht und krame in meinem Rucksack nach der Broschüre meiner neuen Schule. Die weinrote Farbe mit der silbernen Schrift sieht sehr edel aus und ich merke, wie sich die Aufregung in meinem Magen breitmacht. Ein Internat nur für Jungen.

Der Taxifahrer bemerkt, dass ich wach bin und betrachtet mich ungeniert durch den Rückspiegel.

„Es tut mir leid, mein junger Freund. Ich hab noch nie jemanden an diese Schule fahren müssen. Dachte immer, die hätten Personal für sowas.“, sagt er und lässt seinen Blick über meine Kleidung wandern. Ich weiß genau was er sehen wird. Meine alte, schon verwaschene Jeans und die abgetragene Lederjacke, die ich zu jeder Jahreszeit gerne trage.

Ich zucke mit den Schultern „Die haben heute frei!“, antworte ich mit einem kleinen Lächeln und wende mich wieder dem Fenster zu. Leise höre ich den Fahrer lachen.

Nach etwa 20 Minuten gelangen wir vor ein großes Eisentor neben dem ein kleines Häuschen steht, aus dem gerade ein junger Mann mit einem IPad in der Hand kommt. Mein Taxifahrer fährt näher heran, ehe der junge Wächter an die Scheibe klopft.

„Den Namen des Schülers, bitte!“, fordert er und lässt seinen Blick geringschätzig durch das Auto wandern. „Nakamura, Takuya!“ antworte ich von der Rückbank aus und versuche mir meine Haare ordentlicher zurückzustreichen, was mir leider überhaupt nicht gelingen mag. Doch der Wächter achtet gar nicht auf mich, sondern tippt gerade meinen Namen in sein IPad und nickt.

Er zieht einen Zettel unter seinem Pad hervor und reicht ihn dem Fahrer. „Fahren Sie bitte die Straße immer weiter bis zum Haus B, dort wird man ihnen weitere Angaben geben.“, sagt er und winkt uns weiter.

Mein Fahrer bedankt sich kurz und fährt durch das Tor, das sich nun langsam vor uns öffnet.

Vorsichtig schaue ich nach hinten raus und sehe, dass sich bereits eine lange Schlange aus Limousinen und anderen hochwertigen Autos hinter uns gebildet hat.

Erleichtert, dass ich wenigstens die erste Hürde überstanden habe, lehne ich mich zurück und atme tief aus.

Kurz danach erreichen wir bereits das besagte Haus B. Ich würde dies kein Haus nennen, es ist eher ein riesiger Anbau an das mächtige Schloss, das von nun an meine Schule sein wird.

Der Taxifahrer parkt in einer freien Lücke direkt vor dem Haus und steigt aus. Einen Augenblick lang bin ich wie erstarrt, während ich seinen Bewegungen folge, doch dann reiße ich mich zusammen und folge ihm aus dem Auto. Er ist schon fleißig dabei meine Koffer aus dem Kofferraum zu heben und auf den Bordstein abzustellen.

Zufrieden mit seiner Arbeit stellt er sich neben seinen Wagen und hält mir seine offene Hand hin. Ich verstehe sofort was er von mir möchte. „Danke für herfahren…“, sage ich und drücke ihm die Scheine in die Hand, die meine Mutter mir am Morgen noch gegeben hat.

Einen Moment lang starrt er auf seine Hand und mir wird peinlich bewusst, dass ich sehr wenig Trinkgeld gegeben habe.

„War ja klar, dass du nicht reich bist oder du bist geizig!“, sagt er und steigt mit diesen Worten zurück in seinen Wagen. Erstaunt schaue ich ihm nach bis er durch die Ausfahrt verschwindet.

Schweigend betrachte ich meine Koffer und sehe mich um. Viele Jungen stehen von ihren Familien umringt ebenfalls noch an der Straße. Ich sollte mich mal erkundigen, wo ich jetzt hinmuss.

Ich hole tief Luft und schwinge dabei schwungvoll meinen Rucksack auf meinen Rücken, während ich mich auch noch drehe. Ich spüre, dass mein Rucksack auf Gegenwehr stößt und höre wie Jemand krachend gegen meine Koffer fällt.

Einen Augenblick lang starre ich die Person, die da zwischen meinen Sachen liegt einfach nur stumm an. Bis sie plötzlich den Blick hebt und mich zwei leuchtend grüne Augen anfunkeln.Diese Augen.

Sofort muss ich an das Türkise Mittelmeer denken, von dem ich schon lange träume es zu sehen. Diese Augen schauen mich mit einer solchen Intensität, dass ich nicht wegsehen kann.

Der Blick hält mich gefangen und ich kann oder besser ich will mich gar nicht freikämpfen.

Sie neigt ihren Kopf und ihre Haare, die sich wie ein Vorhang vor ihre Augen legen versperren mir den Blick. Endlich kann ich mich losreißen.

„Ich… Verdammt…Es tut… Ehm.. mir leid!“, sagte ich sehr geistreich und trete auf die Frau zu, die Hand ausgestreckt, um ihr aufzuhelfen.

„Kein Problem, ich habe ja auch nicht besonders aufgepasst.“, sagt sie, ehe sie den Kopf hebt und mich lächelnd anschaut.  

Ich schlucke schwer und trete noch einen Schritt näher.

Sie ist wunderschön.

Sie nimmt meine Hand und ihre schmiegt sich wundervoll warm und weich, perfekt in meine.

Vorsichtig ziehe ich sie hoch und merke, dass sie ein ganzes Stück kleiner ist als ich. Viel zu schnell löst sie ihre Hand aus meiner, ehe sie beginnt sich den Dreck von der Jeans zu klopfen.

„Ehm… Ich bin Nakamura, Takuya!“, sage ich plötzlich, weil ich unbedingt nochmal ihre Stimme hören möchte. Erneut strecke ich ihr wieder meine Hand entgegen und neige meinen Kopf respektvoll. Sie hält inne und schaut verwundert meine offene Hand an. Schließlich lächelt sie und ergreift meine Hand erneut.

„Ich bin Ayamoto, Yumi.“, sagt sie und neigt ebenfalls den Kopf. Ihre langen Haare fallen ihr nach vorne und schimmern im sanften Licht der Sonne.

Ich mag ihre Stimme, sie klingt so harmonisch und klar. Vorsichtig erwidere ich ihr Lächeln und streiche mir mit der freien Hand durch die Haare. Ich merke wie mir die Wärme in die Wangen steigt, je länger sie und ich uns einfach nur anschauen. Auch sie scheint zu merken, dass sie meine Hand länger als nötig hält und lässt sehr zu meinem Bedauern, meine viel zu schnell los.

„Du bist sicher grad erst angekommen. Dort vorne, direkt am Haupteingang musst du deinen Namen und dein Geburtsdatum angeben, dann wird man dir ein Zimmer zuteilen und den Schlüssel geben.“, sagt sie mit einem leichten roten Schimmer auf den Wangen, während sie auf ein Haus direkt hinter uns zeigt.

„Ich muss jetzt auch leider wieder zurück, sonst würde ich dich noch hinbringen…“, sagt sie und lächelt mich entschuldigend an. „Es hat mich gefreut dich kennenzulernen“, fügt sie noch hinzu, bevor sie in Richtung des Schulgebäudes verschwindet. Ich folge ihr mit meinen Blicken und gerade als ich sie abwenden will, dreht sie sich erneut um. „Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder!“, ruft sie lachend, während der Wind ihr durch die langen Haare weht. Die Sonne strahlt sie an und lässt sie und ihr Lachen leuchten. Ich verliere völlig die Fähigkeit zu sprechen und kann ihr einfach nur hinterher starren, bis sie völlig verschwindet.

Ich zucke zusammen und versuche mich am Riemen zu reißen, ehe ich mit meinen Koffern im Schlepptau losgehe, um mein Zimmer zu suchen.

Erst vor meiner Zimmertür drängte ein anderer Gedanke die junge Frau aus meinem Kopf. Mit dem Schlüssel in der einen und der anderen bereit zum Klopfen an der Tür, stehe ich vor meinem Zimmer.

Was, wenn mein Zimmernachbar und ich nicht miteinander klarkommen?

Der nette Herr unten am Empfang hatte mir mehrfach erklärt, dass ich nicht einfach so das Zimmer wechseln könne…

Ich gebe mir innerlich einen Ruck und klopfe entschlossen an die Tür.

Von innen kommt ein zögerliches „Herein!“ und ich öffne die Tür.

Fast ein bisschen zögerlich trete ich ein und schließe die Tür hinter mir.

Erst jetzt drehe ich mich um und begutachte mein neues Heim. Das Zimmer ist angenehm groß und hell gestrichen. Die Möbel sind aus einem dunklen Holz, was das Zimmer gemütlich wirken lässt. An jeder Wandseite stehen ein schon bezogenes Bett und ein dazugehöriger Schrank. Die Kopfseite des Bettes steht zu den Fenstern und daneben steht ein kleiner Nachttisch. Zwei aneinander stehende Schreibtische und Kommoden bilden sowas wie einen Raumtrenner.

Auf dem einen Bett sitzt bereits ein Junge, der etwa in meinem Alter zu sein scheint. Neben ihm steht ein noch geschlossener Koffer.

Als mich der Junge sieht, springt er sofort auf und senkt den Kopf. „Ich… Ich ehm… bin, ich meine, ich bin Ken Mitsukenshi! Ich bin dein Zimmernachbar!“, ruft er mit zittriger Stimme.

Ken trägt eine Brille und ist ein sehr hochgewachsener, schlanker Junge. Sein Hemd steckt, sehr ordentlich, in seiner frisch gebügelten Hose und sein dunkles, glattes Haar wirkt ganz anders als meines, gekämmt und frisiert. Ich denke, ich werde keine Probleme mit ihm haben, im Gegenteil, er ist mir sogar irgendwie sympathisch. Ich lächle ihn an und trete an das andere Bett. „Ich hoffe es macht dir nichts aus, dass ich mir schon ein Bett ausgesucht habe. Wenn du aber unbedingt dieses hier haben magst können wir auch gerne noch tauschen. Ich hab extra deswegen noch nicht angefangen meine Sachen auszuräumen…“ erklärt er mir etwas kleinlaut und schließlich bricht er ab und starrt nur noch auf seine Schuhe.

„Ach Quatsch! Du warst als Erster hier, also hast du auch das Recht zu entscheiden welches Bett du haben willst. Ich bin sehr zufrieden! Ich bin Nakamura, Takuya! Freut mich dich kennenzulernen. Ist es in Ordnung wenn ich dich Ken nenne?“, frage ich munter und ziehe meinen Koffer zu meinem neuen Bett.

Ken hebt den Kopf und strahlt mich an. „Ja! Darf ich dich dann Takuya nennen?“ Ich nicke und erwidere sein Lächeln. „Ich denke, wir werden gut zurechtkommen, Ken!“ Eifrig nickt er und steht sehr enthusiastisch auf und macht sich daran seinen Koffer auszupacken. Schon wieder erschöpft setze ich mich aufs Bett und schaue aus dem großen Fenster. Für einen kurzen Moment taucht das Mädchen wieder in meinen Gedanken auf, aber ich versuche es möglichst weit von mir wegzuschieben.

Ich würde sie wohl nie wiedersehen.

Alle sind in heller Aufruhr. Der Flur, auf dem die Tafeln mit den Aushängen der Klasseneinteilung stehen, ist brechend voll mit Schülern und es ist völlig unmöglich auch nur irgendwas zu erkennen. Trotzdem kämpfen wir uns tapfer vor und stehen endlich so nah dran, dass ich Buchstaben erkennen kann. Ken, neben mir, der fast einen ganzen Kopf kleiner als ich ist hat wesentlich mehr Probleme mit der Menge, die ihn hin- und herschiebt, als ich.

Ich stelle mich etwas breiter hin und versuche ihn so etwas abzuschirmen. Dankbar lächelt er mich an. Ich schaue erneut auf die Aushänge und versuche meinen Namen zu finden.

„Takuya! Wir sind in einer Klasse!“, ruft Ken plötzlich ganz aufgeregt neben mir und zeigt auf die Liste ganz außen. Ich freute mich ehrlich drüber, denn Ken hatte Eigenschaften, die ich wirklich an ihm schätzen lernte. Er fragte mich nicht nach meiner Herkunft, sprach aber trotzdem über sich selbst. Seine Mutter war eine berühmte Modedesignerin, von der sogar ich gehört hatte. Er war der Jüngste von vier Geschwistern und all seine Brüder waren hier an der Schule unterrichtet worden. „Super! Ich freu mich drauf!“, sage ich und schaue mir unsere Klassenliste genauer an. Plötzlich fällt mir ein Name auf, von dem ich nicht recht glauben kann, dass er dasteht.

Ayamoto, Yumi. Das Bild von dem Mädchen mit den unglaublichen Augen schießt mir in die Gedanken und ich bin verwirrt. Sie war definitiv eine Frau.

„Sag mal Ken, sind seit diesem Jahr auch Mädchen an dieser Schule zugelassen worden?“, frage ich ohne den Blick von der Tafel abzuwenden. „Nicht das ich wüsste… Das hier ist ein reines Jungeninternat. Warum fragst du?“, erwidert Ken verwirrt. Ich hebe den Finger und zeige auf den seltsamen Namen. „Ayamoto Yumi-san, das klingt tatsächlich sehr weiblich. Aber das ist nicht möglich! Vielleicht wurde von Jemandem der Name falsch geschrieben oder er hat einfach einen sehr weiblichen Namen. Ich hatte in der Unterstufe einen Mitschüler, der hieß Ai. Der Arme…“, plappert Ken nun munter und macht sich auf den Weg zu unserem neuen Klassenzimmer. Schweigend und in meinen Gedanken versunken, folge ich ihm.

 

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