Ch06 – Ein Schritt zurück

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Chapter 06 – Ein Schritt zurück 

Yumi Ayamoto

Seine braunen Augen werden dunkler und sein Gesicht nähert sich langsam. Mein Herz klopft schneller und die Stelle an der sich unsere Finger berühren kribbelt, glüht und wird immer heißer.

Ich muss schlucken und hole tief Luft. Um uns herum scheint alles zu verschwinden, ich kann nur noch seine Finger spüren und seine Augen sehen, die mich gefangen genommen haben. Sein Duft weht zu mir herüber und die Luft um uns herum scheint zu knistern.

„Ayamoto-chan!“, ruft plötzlich jemand und ich reiße den Blick hoch.

Augenblicklich ist der Moment vorbei und der Raum um uns herum taucht wieder auf.

Akira Tomoda-kun steht hinter Takuya-kun und verzieht sein hübsches Gesicht. „Ich hoffe, ich störe nicht…“, sagt er gedehnt und kommt näher. Mein Blick wandert wieder zu Takuya, der noch immer den Pudding in der Hand hält und sich umgedreht hat.

„Also eigentlich… störst du schon ziemlich!“, antwortet er und stellt mir den Pudding vor mein Tablett. Tomoda-kun tut so, als hätte er das gar nicht gehört und kommt noch näher, ehe er hinter Takuya-kuns Stuhl stehen bleibt. „Ayamoto-chan, ich habe gehört, dass du gerne die Sporthalle nutzen würdest. Frau Kato hat mir erlaubt dir die Halle zu zeigen und alles zu erklären. Einen Schlüssel habe ich dir auch direkt mitgebracht. Ich dachte mir, dass du vielleicht Lust hast mich zu meinem Training zu begleiten. Ich bin dieses Jahr Vizestadtmeister im Fechten geworden, aber wenn du mich beim Training anfeuern würdest, schaffe ich es nächstes Mal, mir den ersten Platz zu holen!“, erklärt er, während er mir einmal zuzwinkert und mir einen Schlüssel hinhält.

Ich kann aus dem Augenwinkel sehen, wie Takuya-kun sich anspannt und die ausgestreckte Hand mit dem Schlüssel neben sich mit einem eiskalten Blick betrachtet. Ich räuspere mich kurz und wäge ab, was ich nun sagen soll. Die Halle wollte ich auf jeden Fall nutzen und Tomoda-kun scheint zwar direkt, aber ganz nett zu sein „Danke, für das nette Angebot, ich werde dich gerne begleiten.“, antworte ich und spüre förmlich wie sich Takuya-kun vor mir noch mehr anspannt, auch ohne, dass ich ihn ansehe.

Auf Tomoda-kuns Gesicht jedoch stiehlt sich ein strahlendes Lächeln und er nickt. „Dann hole ich schnell meine Sportsachen und hole dich dann hier wieder ab!“, entgegnet er mir aufgeregt und will gerade gehen, als Takuya-kun aufspringt. „Ich bin zu ihrem Begleiter ausgewählt worden. Ich muss für ihre Sicherheit sorgen. Also werde ich sie begleiten!“, ruft er und stellt sich vor den anderen Mann.

Die beiden schauen sich abschätzend an, als wägen sie ihre Optionen und nächsten Schritte ab. Tomoda-kun faltet die Arme vor der Brust zusammen und schaut Takuya-kun herablassend an. „Ach ja… Das Schoßhündchen der Prinzessin… meinst du nicht, dass sie in meiner Begleitung besser dran wäre? Ich weiß zumindest, wie man mit einer Dame aus gutem Hause umgehen muss!“, sagt Tomoda-kun und verzieht die vollen Lippen zu einem Lächeln. „Wen hast du einen Hund genannt, du Lackaffe?“, erwidert Takuya-kun und stellt sich aufrechter hin.

Ich überlege fieberhaft wie ich die beiden auseinander bringen kann. „Jungs… jetzt kommt wieder runter…“, flüstert Mitsukenshi-kun neben mir kleinlaut. Doch die beiden Herren vor uns fixieren sich mit den Blicken und ich sehe wie Takuya-kun bereits die Fäuste ballt. „Schluss jetzt!“, rufe ich, während ich aufstehe und den Stuhl zurückschiebe. Plötzlich herrscht eine unheimliche Stille im Speisesaal. Alle starren uns an, während ich spüre, wie meine Wangen aufglühen.

„Ihr benehmt euch beide gerade wie Kleinkinder! Takuya-kun! Vielen Dank, dass du dich so sehr um mich sorgst, aber ich schaffe vieles auch alleine! Und Tomoda-kun! Hör auf, Takuya-kun so herablassend zu behandeln! Mein Vater würde solch ein Benehmen an seiner Schule nicht dulden! Ich bin fertig mit dem Essen!“, sage ich entschieden und stehe auf, ohne den Pudding vor mir auch nur einen Blick zu zu würdigen. Das Tablett lasse ich ebenfalls einfach stehen, aber ich denke gar nicht daran wieder zurück zu gehen und es wegzubringen. Sollen sich doch die Kleinkinder darum kümmern und wieder streiten, wer das machen könnte. Ich hatte genug.

Schweigend gehe ich den Flur entlang, mein laut werden im Speisesaal war mir unendlich peinlich und ich war wirklich sauer auf die beiden Männer, die das verursacht hatten.

Warum können sich manche Männer einfach nicht zurückhalten und sich erwachsen verhalten?

Endlich stehe ich vor meiner Zimmertür, den Schlüssel in der Hand. Doch irgendwie mag ich das Zimmer nicht betreten. Irgendwas in meinem Inneren sagt mir, dass ich das Zimmer noch nicht betreten soll. Und just als ich mich entscheide das Gefühl zu missachten und mich einfach in mein Zimmer zurückzuziehen, ruft jemand meinen Namen. „Yumi-chan! Warte mal!“, ertönt eine sehr vertraute Stimme und ich weiß schon zu wem sie gehört, ehe ich mich umdrehe und seine Augen sehe. Takuya-kun läuft den Flur entlang auf mich zu.

Seine Haare wippen im Laufschritt mit und ich kann Sorge in seinem Blick erkennen.

„Yumi-chan! Tut mir leid, was gerade im Speisesaal passiert ist. Ich hätte mich nicht so reinsteigern dürfen… Dieser Tomoda macht mich einfach rasend. Aber du hast Recht, wir haben uns wie Kinder benommen.“, sagt er, als er endlich vor mir steht. Auch wenn er mir hinterher gelaufen ist, geht sein Atem gleichmäßig und sein unverkennbarer Geruch weht mir entgegen. Ich schaue ihm tief in die Augen und sehe, dass seine Entschuldigung ernst gemeint ist.

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen… Eigentlich war mir mein Ausbruch ziemlich peinlich und ich wollte nur noch schnell weg. Wenn du möchtest, kannst du mich gerne zu Tomoda-kuns Training begleiten, aber ich würde das auch sicherlich alleine hinbekommen.“, antworte ich und sehe, dass sich sein typisches Lächeln auf sein Gesicht stiehlt.

„Das vielleicht, aber ich kann mir nicht absolut sicher sein, also muss ich wohl oder übel mitkommen.“, entgegnet er mir mit einem schiefen Grinsen und ich muss lächeln. Die angestaute Wut in mir ist wie weggeblasen und ich kann wieder tief durchatmen.

„Danke, dass du mir nachgelaufen bist!“, sage ich aus einer plötzlichen Eingebung heraus und lächle ihn strahlend an. Seine Augen weiten sich kurz und werden plötzlich dunkler, ehe er noch einen Schritt auf mich zu macht. Und schon wieder scheint alles andere zu verschwimmen und nur wir existieren hier. „Ich kann dich doch nicht einfach weglaufen lassen… Ich soll doch auf dich aufpassen!“, flüstert er und lässt seinen Blick über mich wandern.

Ein warmer Schauer läuft mir über den Rücken und ich spüre wie mein Inneres anfängt zu glühen. Alles in mir schreit mich an, ihm einen Schritt näher zu kommen. Seine Wärme zu fühlen, seinen Geruch einzuatmen und mich in all dem zu verlieren. Doch gerade als ich mich entschließe ihm näher zu kommen, tritt er einen Schritt zurück und wendet den Blick von mir ab.

 

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