Ch02 – Ein Wiedersehen im Klassenzimmer

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Chapter 02- Ein Wiedersehen im Klassenzimmer 

 

Yumi Ayamoto

Die Hände vor meinem Bauch gekreuzt, warte ich geduldig im Lehrerzimmer auf meine neue Klassenleitung. Mein Vater hatte darauf bestanden, dass ich zusammen mit ihr die Klasse betreten solle, da es sonst einen Aufruhr hätte geben können.

Etwas nervös streiche ich mir über das dunkelblaue Jackett und zupfe an dem Rock herum. Ich muss zugeben, die Tatsache mit knapp 20 Jungen in eine Klasse zu gehen macht mich nun doch etwas nervös. Ich schließe die Augen und lasse die vergangene Woche noch einmal Revue passieren. Es war alles sehr schnell und sehr leise von statten gegangen.

Mein Vater meldete mich sofort von meiner alten Schule ab. Als Direktor der Schule schrieb er mich auf eine der Klassenlisten und unterschrieb alle notwendigen Unterlagen. Mein neues Einzelzimmer wurde nach meinem Wunsch eingerichtet und ich bekam eine neue Schulgarderobe. Meine alten Schulfreunde hatten sich halbwegs von mir verabschiedet und schon war ich hier. Ich seufze und tippe ungeduldig mit dem Fuß hin und her.

„Na, na! Wer wird denn hier ungeduldig werden? Kannst es wohl nicht erwarten in eine Klasse voller Männer zu kommen, was?!“ Vor mir steht eine Frau, die sich, mit den Händen an den Hüften, zu mir lehnt. Ihr langes braunes Haar ist zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden und sie trägt ein rotes Kostüm mit einem kurzen Stoffrock.

Wie viele Jungen wohl auf sie standen? Mein Vater hatte sie extra engagiert, damit ich eine weibliche Bezugsperson hatte, denn abgesehen von der Krankenschwester, dem Cafeteria Personal und einigen Lehrerinnen, war ich die einzige Frau an dieser Schule. Frau Kato war schon beim Vorstellungsgespräch sehr nett zu mir gewesen.

Zaghaft lächle ich sie an. „Ich bin ein wenig nervös.“, gebe ich zu und fange schon wieder an an meinem Rock herumzufummeln. „Das brauchst du gar nicht zu sein! Am Anfang werden die jungen Burschen vielleicht etwas durchdrehen, aber du wirst sehen, es wird schon alles klappen! Nun nimm deine Tasche und folge mir!“, entgegnet sie mir voller Tatendrang und dreht sich schwungvoll um.

Ich nehme die Tasche, die neben meinem Bein lehnt und folge Frau Kato mit einem respektvollem Abstand.

Wir gehen durch einen leeren Flur, durch den die Sonne hinein scheint und biegen dann nach rechts in den Flur mit den Klassenräumen. Die meisten Lehrer hatten sich lange vor Frau Kato auf den Weg zu ihren Klassen gemacht, weswegen nur noch vereinzelt Schüler unterwegs waren.

Einige von ihnen werfen Frau Kato interessierte Blicke zu, was meine Vermutung bestätigt, doch die meisten scheinen mich nicht wirklich zu bemerken… oder sie können nicht glauben, dass wirklich eine junge Frau in ihrem Alter durch die Gänge wandert.

 

Vor unserem Klassenzimmer stehen ein paar Jungen, die sich leise unterhalten. „Meine Herren, wenn ich sie bitten darf sich nun in das Klassenzimmer zu begeben. Ich möchte heute noch mit meinem Unterricht anfangen.“ Die Jungen starren Frau Kato einen Augenblick lang verwirrt an, ehe sie nicken und sich ins Klassenzimmer verziehen.

Mit einem Mal wird es plötzlich sehr still in dem Klassenzimmer vor uns.

Frau Kato rückt ihren Blazer zurecht und nickt mir nochmal aufmunternd zu und tritt dann entschlossen in das Klassenzimmer. Nicht annähernd so entschlossen wie sie, folge ich ihr.

Neben dem Lehrerpult, bleibe ich vor der Tafel stehen und starre auf einen Punkt an der gegenüberliegenden Seite der Klasse. Schon bei meinem Eintreten waren die letzten Gespräche verstummt und nun starren mich 40 Augenpaare an. Tief Luft holend versuche ich still zu bleiben und bete zu Gott, dass mich mein Deo nicht im Stich lässt.

„Nun, bevor ich unseren ganz besonderen Gast vorstelle, möchte ich mich selber einmal vorstellen: Mein Name ist Amaya, Kato und ich bin dieses Jahr eure Klassenlehrerin. Ich kann sehr, sehr nett sein, wenn ihr es auch seid und brav lernt und mir keine Schande bereitet. Doch seid ihr es nicht, kann ich schlimmer sein als eure Mutter!“ Einige der Jungen zucken bei dem bloßen Gedanken daran zusammen und ich musse ein bisschen lächeln. Frau Kato würde mir sehr gut tun.

„Ich denke allerdings, dass die Dame neben mir weitaus interessanter für euch ist! Möchtest du dich vielleicht einmal vorstellen und den Herren verraten warum du hier bist?“ Einen kurzen Augenblick starre ich sie verloren an. Doch sie lächelt mir so aufmunternd  zu, dass ich meinen ganzen Mut zusammen nehme und zusprechen anfange: „Ich bin Ayamoto, Yumi und ich freue mich in eurer Klasse zu sein. Ich bin ehm… so was wie eine Austauschschülerin.“ Mittlerweile beginnen die ersten wieder zu tuscheln. Die meisten von ihnen werden meinen Nachnamen kennen. „Nun, Yumi-chan wird nun ebenfalls auf unserer Schule sein. Sie ist das einzige Mädchen hier und deswegen wünsche ich mir von euch allen sehr viel Verständnis und Respekt. Ihr seid ihre Klassenkameraden, deswegen ist es eure Pflicht sie gut zu behandeln und sie vor anderen zu beschützen. Ich wünsche mir von euch allen, dass ihr sie behandelt wie ihr eine Schwester behandeln würdet. Sollte mir zu Ohren kommen, dass einer von euch anzüglich wird oder sich anderweitig daneben benimmt, werde ich persönlich dafür sorgen, dass er von der Schule fliegt! Haben wir uns verstanden!?“ Man hört ein zustimmendes Gemurmel von der Klasse. Erleichtert, dass es nun vorbei war, atme ich aus und lasse meinen Blick nun doch durch die Klasse wandern.

Frau Kato durchsucht neben mir ihren Zettelberg. „Yumi-chan, setz dich doch bitte neben… ehm… Nakamura-kun, ja?“, sagt sie, mit dem Blick immer noch auf ihre Zettel gerichtet. Vorsichtig schaue ich durch die Klasse, während ich versuche mich zu erinnern woher ich diesen Namen kenne. Und plötzlich schaue ich in sanfte, braune und sehr interessierte Augen, die mir nur zu bekannt vorkommen… In der 3. Reihe von vorne, in der 2. von rechts. Als sich unsere Blicke treffen, stiehlt  sich ein kleines zaghaftes Lächeln auf seinen Mund. Ich merke wie sich auch meine Mundwinkel anheben.

Langsam, auf jeden Schritt achtend, gehe ich auf meinen neuen Platz zu. Ein direkter Fensterplatz, hier können sie mich nicht alle anstarren. Und doch merke ich wie mir alle Blicke folgen, bis ich an meinem Tisch stehen bleibe. Einige leise Stimmen tuscheln noch immer, doch die meisten sind stumm. „Hallo Ayamoto-chan. Nett dich so schnell wiederzusehen!“ Dieser Nakamura lächelt mich etwas schief an und seine Augen strahlen. Im ersten Moment bin ich wie erstarrt und schaue ihn etwas irritiert an. Schnell fasse ich mich wieder und erwidere sein Lächeln.

„Ich freue mich auch, dich so schnell wiedergesehen zu haben, Nakamura-kun!“ Er grinst mich an und wendet den Blick ab.

Ich setze mich auf meinen Platz und packe meine Materialien aus. Frau Kato hatte bereits mit der Anwesenheit begonnen und erklärt gerade den Ablauf des Tages. Immer wieder wandert mein Blick zu meinem rechten Tischnachbarn. Seine Haare haben einen goldbraunen Ton und sie sind ganz durchgewurschtelt, so als ob er sich ständig durch die Haare fahren würde, so wie an diesem Tag, an dem wir uns kennenlernten.

Von der Seite konnte ich ein markantes Kinn und seinen schmalen, aber doch schwungvollen Mund erkennen. Seine Nase verlief zwar etwas spitz, aber sie passte perfekt ins Bild. Er ist schon ein ganz hübscher Junge, wenn ich ehrlich bin. Das beste an ihm sind aber diese Augen…Groß und von einem unglaublichen dunklen braunen Ton, sind sie so verführerisch wie Schokolade. Wenn er lächelt, leuchten sie auf und man bekam das Gefühl, dass sie gerade zu schmolzen. Ich lasse erneut meinen Blick über seinen Körper wandern. Selbst im Sitzen konnte ich erkennen, dass er groß ist. Mindestens 2 Köpfe mehr als ich. Mit breiten Schultern und schmalen Hüften. Dazu sieht er irgendwie trainiert aus. Ob er Sport trieb? Seine Hände sind auf dem Tisch ineinander gefaltet, doch ich kann die langen feingliedrigen Finger erkennen und das er sehr große Hände hat.

 

Ja, er war verdammt hübsch… Mehr als das… Er war wirklich… verdammt heiß…Ich wende meinen Blick ab und versuche mich auf Frau Kato zu konzentrieren.

 

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