Ch00 – Prolog: Ein neuer Anfang

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Chapter 00 – Prolog – Ein neuer Anfang 


Yumi Ayamoto

Langsam schritt ich den langen Gang entlang. Die bodenlangen Fenster tauchten ihn in ein grelles, helles Licht. Einen Augenblick lang blieb ich stehen und schaute hinaus in unseren großen Vorgarten. Für diese Jahreszeit war es um diese Uhrzeit noch immer sehr hell und die Sonne erwärmte meine kalte Haut. Meine Gedanken wanderten zu dem Buch, indem ich gelesen hatte ,bevor man mich hat rufen lassen. Natürlich musste ich gehen, als ich gerade an der spannendsten Stelle angelangt war. Ich seufzte und setzte meine Reise fort.

Vor einer riesigen dunklen Holztür blieb ich stehen und richtete mich zu meiner vollen Größe auf, was mich allerdings nicht besonders größer machte, da ich schon immer sehr klein war. Ich holte noch einmal tief Luft, ehe ich die Hand hob und zaghaft an die Tür klopfte. Die Geräusche, die von innen nach draußen drangen unterbrachen sich und die Tür wurde geöffnet.

„Fräulein Yumi-sama! Euer Vater erwartet euch bereits“, sagte unser langjähriger Butler mit einem kleinen Lächeln und wies mich mit einer Hand herein. Irgendwie mochte ich diesen alten Herren, er war mir über die Jahre richtig ans Herz gewachsen.  Ich zögerte noch einen Moment und betrat dann das Arbeitszimmer meines Vaters. Ein riesiges Zimmer erstreckte sich vor mir, die eine Wand voller Bücher, deren Aussehen schon auf Wichtigkeit und Alter schließen ließen. Rechts daneben war ein riesiges Fenster, welches sich genau wie die Fenster im Gang bis zum Boden erstreckte.  Am Schreibtisch vor der Bücherwand saß mein Vater, der auf mich einen nervösen Eindruck machte. Ich war seine einzige Tochter von fünf Kindern und ich denke, seit dem Tod unserer Mutter vor einigen Jahren wusste er nicht mehr genau wie er mit mir umgehen sollte.

Um ehrlich zu sein, beruhte das auf Gegenseitigkeit.

Eigentlich sah ich ihn nur in den Ferien, wenn meine Brüder zu Hause waren und wir gemeinsam an einem großen Tisch die Mahlzeiten einnahmen. Es musste also etwas sehr dringendes und Wichtiges sein, wenn er mich extra riefen ließ. „Ahh! Yumi!“, sagte er, als er den Blick hob und mich hereinkommen sah. Er stand von seinem Ledersessel auf und schaute mich aufmerksam an. „Bitte setz dich doch!“, fügte er hinzu, während er mir mit einer Hand bedeutete, mich auf dem Sofa hinzusetzen.Ich empfand es seltsam in meinem eigenen Haus aufgefordert zu werden mich zu setzten, aber vielleicht gehörte dieses Zimmer nicht wie der Rest des Hauses mir. Ich setzte mich also hin und drückte den Rücken durch, überschlug die Beine. Natürlich wusste ich, dass mein Vater es gerne sah wenn sich seine Tochter damenhaft und vorbildlich verhielt. Nicht umsonst musste ich endlose Stunden mit einer nervigen Frau verbringen, die mir peinlich genau erklärte wie sich eine Dame zu verhalten hatte. Wie ich zu essen, zu trinken, zu laufen, zu stehen und wie zu sitzen hatte. Nie werde ich diesen furchtbaren Unterricht vergessen, den mein Vater für so unendlich wichtig empfand. Mein Vater setzte sich gegenüber von mir hin und winkte den alten Butler heran.

Schweigend wurde mir Tee serviert, ohne dass ich gefragt worden war und ein kleines Keramikschälchen mit frisch gebackenen Keksen wurde zwischen uns auf den Tisch gestellt. Ich schaute auf und bedankte mich trotzdem mit einem Nicken und Lächeln bei dem Butler. Mein Vater beachtete ihn nicht weiter und scheuchte ihn mit einer knappen Handbewegung fort. Dieser verbeugte sich nur kurz und verließ das Büro. Die Stille die sich nun ausbreitete, war unangenehm. Ob ich was angestellt hatte? Aber eigentlich gab es nichts an mir auszusetzen. Ich brachte gute Noten nach Hause, war stets höflich und freundlich, wenn wir Besuch bekamen. Und ich war gerade Stadtmeisterin in Leichtathletik geworden, was meinem Vater wohl viele Angebote um meine Hand gebracht hatte. Erst nach meinem Abschluss, hatte er augenzwinkernd gesagt. Bei dem Gedanken einen reichen, arroganten Sohn aus gutem Hause zu heiraten, der ganz bestimmt die Firma seines Vaters übernehmen würde, wird mir schlecht und ich war richtig froh darüber, dass meine Mutter hierbei darauf bestanden hatte, dass ich mir meinen Ehepartner selber aussuchen durfte. Ich schaute meinen Vater an und wartete. Er hatte mich gerufen, also würde er mir bald sein Anliegen mitteilen. Und tatsächlich, gerade als ich nach meiner Tasse greifen wollte räusperte er sich und begann. „Yumi? Was meinst du ist das wichtigste, was ich tun muss als Direktor einer Schule?“, fragte er mich und schaute mich über den Rand seiner Tasse hinweg an. Die Frage überraschte mich. Er sprach normalerweise nicht mit mir über sein Internat für Jungen. Ich musste zugeben, ich wusste nur von Klassenkameradinnen, dass es dort wohl sehr reiche und sehr schöne junge Männer gab. Von meinen Brüdern wusste ich, dass der Anspruch sehr hoch war, weswegen die Schule sehr anerkannt war.

Ich nahm mir einen Moment um meine Gedanken zu sammeln. „Ich denke, dass das Wichtigste an einer Schule das Wohlergehen der Schüler ist!“, antwortete ich ehrlich. Sein Gesichtsausdruck zeigte mir deutlich, dass er das nicht als Antwort von mir erhofft hat. Er verzog kurz das Gesicht und lächelte. „Nicht ganz… Am wichtigsten ist es den guten Ruf aufrecht zu halten und dafür zu sorgen, dass der Standard der Schule nicht wankt.“ Obwohl ich nicht seiner Meinung war, nickte ich brav und neigte den Kopf. „Nun ja. Und im Moment wankt dieser Ruf leider etwas. Yumi… Hast du gehört was vor einigen Wochen mit diesem Mädchen aus deiner Nachbarschule passiert ist?“, fragte er weiter und sein Blick wurde finster. Natürlich wusste ich das. Wir hatten das Thema ausführlich im Unterricht und auf den Fluren besprochen. Vier Jungen aus dem Internat meines Vaters hatten dieses Mädchen eines Abends aufgegriffen und sich versucht an ihr zu vergehen. Sie wurden allerdings dabei von einem Spaziergänger überrascht und konnten fliehen. Bei einer Gegenüberstellung konnte man sie allerdings dann doch fassen. Es war eine sehr schlimme Zeit, vor unserem Haustor warteten immer unzählige Reporter, die mit meinem Vater sprechen wollten. Allerdings hatte sich die Situation in den letzten Tagen schon etwas beruhigt. Die Jungen waren selbstverständlich der Schule verwiesen worden und hatten eine Anzeige erhalten. Ich nickte erneut und schaute ihn aufmerksam an. „Nun, wir im Kollegium sind uns einig, dass wir der Gesellschaft zeigen müssen, dass unsere Schüler durchaus wissen wie man sich gegenüber einer Dame benimmt.“ Ich verstand zwar was er sagen wollte, aber ich wusste nicht ganz was das mit mir zu tun haben sollte. Etwas verständnislos schaute ich ihn an und wartete. „Wir waren uns einig, dass wir eine junge Frau brauchen, die an unserer Schule ebenfalls unterrichtet wird. Die Schüler werden sich ihr gegenüber respektvoll und angemessen verhalten und so wird unser Ruf wieder reingewaschen.“, sagte er und auf seinem Gesicht erschien ein zufriedener Ausdruck. Ich ging seine Gedanken noch einmal durch. Gerade als mir klar wurde, was er mir damit sagen wollte, fuhr er fort. „Yumi, ich denke, dass du die perfekte Frau dafür bist!“, fügte er schließlich hinzu, während er plötzlich den Inhalt seiner Tasse begutachtete.Fassungslos schwieg ich und starrte ihn an. Ich sollte an seine Schule wechseln? An eine Schule nur für Jungen. In ein Internat sollte ich ziehen. Nur damit mein Vater wieder ruhig schlafen konnte. Ich atmete kurz durch und holte tief Luft um mit meiner Schimpftirade anzufangen, da unterbrach er mich auch schon. „Wenn du das durchziehst, können wir über die Uni im Ausland nochmal reden… Ich verlange auch nicht mehr als ein Jahr!“ Ich hielt inne. Meinte er das ernst? Stunden hatte ich mich mit ihm gestritten, weil er mich nicht in eine Uni außerhalb des Landes schicken wollte. Und nun sollte ich das machen dürfen, wenn ich nur ein Jahr an seiner blöden Testosteron, verseuchten Schule verbrachte? Ich schaute auf meine Hände. Was wenn das meine einzige Chance war, meine Träume zu erfüllen…

„Ich möchte aber ein Einzelzimmer mit Dusche, ein Handy benutzen dürfen und immer noch an meinen Turnieren teilnehmen dürfen.“, sagte ich schließlich nach einiger Zeit. „Vielleicht werden mir noch mehr Dinge einfallen, die ich benötigen werde damit es mir gut geht!“, fügte ich noch hinzu und schaute meinen Vater abwartend an. Schließlich nickte er und erhob sich, trat ans Fenster und schaute aus dem Fenster. Lange Zeit sagte er nichts, doch schließlich seufzte er und drehte sich erneut zu mir um.  „In Ordnung. Du wirst alles bekommen was du brauchst und falls dir noch was einfällt kannst du es unseren Bediensteten ausrichten. Der Unterricht beginnt in einer Woche. Morgen wird ein Schneider kommen um Maße für deine neue Uniform zu nehmen. Ich werde alles Weitere abklären. Du kannst gehen, Yumi!“, sagte mein Vater und klang mit einem Mal sehr alt und müde. Mein Tee stand kalt und unangetastet auf dem Tisch vor mir. Ich schaute ins dunkle Teewasser und stand langsam auf.

An der Tür drehte ich mich noch ein letztes Mal zu meinem Vater um, der erneut mit dem Rücken zu mir stand. Ich schaute ihn kurz an, ehe ich tief Luft holend das Zimmer verließ.

Leise schloss ich die Tür hinter mir und atmete einmal tief durch. Worauf hatte ich mich hier eingelassen? Mit schnellen Schritten verkroch ich mich in meinem Zimmer.

 

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