Prolog

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Das Tal war still und schwarz. Träge stand die Luft in der Schlucht, sodass es schien, als fürchte selbst der Wind die Folgen dieser Nacht.

Die Dunkelheit schluckte jedes Geräusch und nur von fern hörte man den Hufschlag eines Pferdes.

Der einsame Reiter, ein dunkel gekleideter Mann mit einem schmutzig grünen Umhang, an dessen Seite ein langes Schwert hing, trieb sein Pferd unermüdlich an. Sein Atem gefror in der Luft zu feinem Nebel. Ungerührt zog sich der Reiter seinen weiten dunklen Umhang enger um die Schultern. Er blickte zum schwarzen Himmel empor.

Nicht mehr lange, dann würde ganz Sephiris so aussehen wie der Himmel heute Nacht. Schwarz, ohne auch nur einen Funken Licht.

In der Schlucht tauchte unweit vor dem Reiter eine weitere Gestalt auf. Ihre Kleidung war ähnlich geschnitten wie die des Reiters, allerdings fehlte ihr jede Spur von Farbe.

Als das Pferd die Gestalt erblickte, bäumte es sich auf. Verärgert sprang der Reiter vom Pferd und landete geschickt auf den Füßen.

Da bist du ja endlich, Furthim. Meister Astar wartet schon darauf, was du zu berichten hast.“ Demütig verneigte der Reiter sich vor der Gestalt.

Verzeiht, Lord Seditio. Aber um unauffällig zu bleiben, musste ich zu Pferd kommen.“ Ungeduldig bedeutete die Gestalt dem Reiter, sich aufzurichten.

Schon gut. Aber jetzt komm, Meister Astar wartet, wie du weißt, nicht gern.“ Damit drehte sich die Gestalt um und verschwand zwischen den hohen Felsen am Rand der Schlucht. Der Reiter seufzte und ging ebenso auf die Felsen zu.

Das Pferd, das sich inzwischen wieder beruhigt hatte, folgte seinem Herrn zögernd einige Schritte. Plötzlich stürzten sich von oben drei Kreaturen auf das Tier. Die Kreaturen, jede etwas größer als das Pferd selbst, hatten langes, zottiges graues Fell. Die Gliedmaßen endeten an gebogenen schwarzen Krallen, die über den felsigen Untergrund kratzten und Furchen im Gestein hinterließen. Aus den Mäulern ragten lange Reißzähne und Geifer tropfte ihnen von den Lechzen. Die Kreaturen umstellten das Pferd, das jetzt panisch wieherte und sahen es aus kleinen schwarzen Augen an.

Schließlich sprang das größte der Ungeheuer auf das Tier und schlug ihm die Reißzähne in den Hals. Sofort folgten die anderen Kreaturen seinem Beispiel. Blut ergoss sich auf den Felsboden, von dessen Wärme erneut feine Dampfwolken aufstiegen.

Der Reiter blickte sich um.

Scheint, als würden die Badgi sich um das Pferd kümmern. Dummes Tier. Es hätte die Flucht ergreifen sollen, als es noch die Möglichkeit dazu hatte. Nicht, dass es etwas genützt hätte …“

Die Gestalt wies auf eine Spalte in der Felswand. Der Reiter atmete noch einmal tief durch, dann trat er durch den Fels.

Er befand sich in einem schmalen Gang, der nicht auf natürlichem Weg entstanden zu sein schien. Die nackten Felswände aus grob behauenem Stein wurden nur hier und da von einer einzelnen Fackel erhellt, große Teile des Weges langen im Dunkeln.

Hinter ihm trat auch Seditio durch den Spalt und bedeutete ihm, vorzugehen.

Schweigend liefen sie den Gang entlang. Nach einer kleinen Ewigkeit passierten sie zwei Wachen, die sie zuerst kritisch beäugten, sich aber schnell verneigten, als diese sie erkannten.

Ohne die Wachen auch nur eines Blickes zu würdigen, gingen sie weiter. Der Gang beschrieb nun eine Kurve und keine Fackeln erhellten mehr ihren Weg.

Furthim legte eine Hand an die Felswand und tastete sich durch die Dunkelheit. Hinter sich hörte er die unbeirrten Schritte seines Herren. Er konnte praktisch sehen, wie Seditio die Stirn runzelte, erbost über das langsame Tempo, das er anschlug. Um seinen Herren nicht zu verärgern, ging er einige Schritte voraus. Auf einmal hörte man ein dumpfes Poltern, gefolgt von einem Fluch.

Der Tunnel endet in einer Wand.“ Ungerührt drängte Seditio sich am Reiter vorbei. Er legte nun auch eine Hand an die kalte Felswand und schloss die Augen. Als er sie wieder aufschlug, öffnete sich geräuschlos ein mannshohes Tor in der Wand.

Nachdem die beiden hindurch schritten, öffnete sich vor ihnen eine riesige Höhle, so groß, dass man trotz zahlreicher Feuerstellen weder das andere Ende, noch die Decke der Höhle erkennen konnte. Etwa hundert Schritte unter ihnen breitete sich ein Lager gleich einer Stadt aus. Düstere Gestalten wuselten umher wie Ameisen und gingen ihrer Arbeit nach. Der Rauch tausender Feuer stieg empor und nahm einem Sicht und Atem.

Die beiden Männer stiegen viele Stufen hinab auf den Grund der Höhle. Sie liefen durch das Lager, vorbei an Arbeitern, Soldaten, Sklaven und Zelten. Schließlich blieb Seditio vor dem Eingang eines Zeltes stehen, der von vier Männern bewacht wurde.

Meister Astor erwartet uns, also kündigt uns an!“ herrschte Seditio den Mann an, der ihm am nächsten stand. Sofort eilte eine der Wachen ins Innere des Zeltes. Nach kurzer Zeit erschien der Mann wieder, hielt die Zeltplane zurück und verneigte sich.

Tretet ein, Lord Seditio.“ Der Angesprochene trat durch den Stoff, gefolgt von seinem Diener.

Das Innere des Zeltes war größer, als es von außen den Anschein hatte. Die Wände wurden von mehreren Lagen verschiedenfarbiger, edler Stoffe gebildet, die die Geräusche von außen erst dämpften und irgendwann ganz schluckten. Einem Labyrinth gleich teilten sich die Stoffbahnen in neue Gänge oder flossen in Räume unterschiedlicher Größen. Trotzdem schien Seditio genau zu wissen, welchem Weg er folgen musste. Vor einem schlichten Vorhang blieb er stehen. Er blickte sich kurz um und nickte Furthim zu. Als dieser sein Nicken erwiderte, drehte er sich um und trat durch den Vorhang in eine weitläufige Halle, deren Wände von einem tiefen Rot waren. Der Boden war mit schweren Teppichen ausgelegt, die das Geräusch ihrer Schritte dämpften.

Vor der gegenüberliegenden Wand stand ein Podest, auf dem ein ausladender Thron aus schwarzem, poliertem Stein stand. Auf ihm saß ein großer Mann in einer Rüstung. Die Rüstung war wie der Thron schmucklos und einfach, schien aber alles Licht um sich herum zu schlucken und trotz der glatten Oberfläche spiegelte sich kein Licht auf ihr.

Ihr Träger spielte mit gelangweilter Miene mit dem Griff seines Breitschwertes, während er eine Karte studierte.

Als er die Neuankömmlinge eintreten sah, blickte er auf und warf die Karte auf den Boden. Ungeduldig winkte er die beiden zu sich.

Ah, Seditio, Furthim, ich warte schon auf euren Bericht.“ Die Angesprochenen gingen auf das Podest zu. Während Furthim zu Füßen des Mannes niederkniete, verneigte sich Seditio tief.

Es tut mir wirklich leid, Meister Astar, aber ich musste auf einem Pferd kommen, um unentdeckt zu bleiben. Es waren viele hohe Lichtkrieger in der Gegend unterwegs.“

Spar dir die Ausflüchte und berichte. Wie haben die mutigen Saris auf unsere kleine Überraschung reagiert?“ Er lachte boshaft auf, während er sich erhob und auf einen Tisch mit Stühlen zuging, der an der Seite des Raumes stand. Mit einer Hand signalisierte er Seditio und Furthim, sich zu erheben, ihm zu folgen und Platz zu nehmen. Auf dem Tisch lag eine Karte von Sephiris aus, auf der einige Figuren aus schwarzem und hellgrauem Stein standen.

Erwartungsvoll blickte er die beiden an, nachdem er sich gesetzt hatte.

Also?“, fragte er noch einmal, während er eine schwarze Figur schwungvoll in eine Gruppe weißer Figuren schob, die daraufhin umfielen.

Haben sie sich einfach überrennen lassen, oder hatten einige dieser verfluchten Lichtkröten noch Zeit, sich zur Wehr zu setzen?“ Er nahm eine der umgefallenen Statuen in die Hand und schloss die Finger um die Figur. Als er die Hand wieder öffnete, bröselte heller Staub auf die Karte.

Furthim schluckte und senkte den Blick, während Seditio auf den Stuhl zuging und Anstalten machte, Astars Befehl Folge zu leisten.

Um ehrlich zu sein, waren sie nicht so überrascht, wie wir gehofft hatten. Man könnte sogar sagen, dass sie gar nicht überrascht waren.“

Seditio hielt in der Bewegung inne und sah seinen Diener mit großen Augen an.

Was sagst du da?!“ Astars Stimme war leise, in ihr schwang jedoch ein bedrohlicher Unterton mit, von dem Furthim wusste, das er nichts Gutes verhieß. Er wusste, das der Bericht seinem Herren und dem König nicht gefallen würde.

Wir sind nicht bis zur Stadt gekommen. Sie müssen gewusst haben, dass wir kommen, sonst hätten sie niemals im Wald auf uns gewartet. Es waren sogar mehrere Lichtkrieger da. Mit denen haben wir nicht gerechnet. Sie haben unsere Truppen zerschlagen und in die Flucht gejagt. Ich habe einen kurzen Abstecher in die Stadt gewagt, aber sie war leer. Außer einigen Hunden und Tauben war niemand mehr dort. Sie haben sie vor dem Angriff evakuiert.“ Furthim legte eine kurze Pause ein und hob den Blick ein wenig. Seditio war blass geworden und blickte schockiert auf seinen Diener. Astar dagegen hatte einen hochroten Kopf. Die Furchen auf seiner Stirn hatten sich vermehrt und waren tiefer geworden. Furthim konnte die eine Ader an seiner Schläfe pochen sehen. Schnell sprach er weiter.

Nachdem sie uns in die Flucht geschlagen hatten, haben sie Jagd auf die Bakkchi und ihre Reiter gemacht. Ich habe mir eines der Pferde eingefangen und bin hergekommen, um Euch Bericht zu erstatten. Von den fünftausend Männern leben vielleicht noch dreihundert. Wie vielen Bakkchi die Flucht gelungen ist, kann ich nicht sagen.“ Damit beendete Furthim seinen Bericht. Er hielt den Kopf gesenkt und ging mit einem Schlucken abermals in die Knie. Er hoffte, dass Astar seine Wut nicht an ihm auslassen würde.

Astars ruhige Wut brodelte unterdessen vor sich hin. Er herrschte Seditio mit lauter Stimme an: „Wie konnten sie davon wissen?! Selbst von den Kommandanten und Lords wussten nur wenige, was wir vorhatten!“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch und vergrub eine weitere der hellen Figuren unter seiner Faust, die mit leisem Krachen nachgab.

Was ist mit meinem Sohn, wo ist er?!“ fragte er, nachdem sich die Furchen auf seiner Stirn leicht geglättet hatten.

Furthim schluckte. Er wusste, was er jetzt sagen würde, würde dem Herrscher noch weniger gefallen. Während er sprach, beugte er sich noch weiter nach vorn, bis seine Stirn den Boden berührte.

Als ich ihn zuletzt gesehen habe, hat er gerade gegen einige Saris gekämpft. Das war, bevor ich in der Stadt war. Zu den Überlebenden, die ich auf dem Weg hierher gesehen habe, gehörte er nicht. Ich weiß nicht, ob der junge Herr es geschafft hat, oder wo er jetzt ist.“

Als er das hörte, stand Astar ruckartig auf. Plötzlich hatte er sein großes Breitschwert in der Hand und zog es mit einem wütenden Aufschrei über den Tisch, den die Klinge teilte wie ein Blatt Papier.

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